Geschichte Mildenau

Die Geschichte unseres Dorfes beginnt um 1200 in der großen Zeit der Ostbesiedlung Deutschlands. Gerufen von den Fürsten und ihrer Ritterschaft, die das Land erobert hatten und in Besitz nahmen, kamen landsuchende Bauern aus dem "Altland" und besiedelten zuletzt auch die ausgedehnten Waldgebiete des "Miriquidiwaldes", unseres Erzgebirges. In unserer engeren Heimat waren es die Waldenburger Grafen, die mit der Errichtung der Burg Wolkenstein vor allem Bauern aus dem Frankenland ansiedelten.

Die erste urkundliche Erwähnung Mildenaus stammt aus dem Jahre 1270. In einer Urkunde schenkt Hugo von Waldenburg wahrscheinlich "um seiner Seele Heil willen" dem Kloster Buch bei Leisnig die Dörfer "Müldenow" und "Richenow". Die Gründung der beiden Dörfer erfolgte aber bereits um das Jahr 1200. Unter Führung von Lokatoren, Beauftragten des Lehnsherrn, bahnten sich Trecks von je 20-25 landsuchenden Bauern aus dem Frankenland über das bereits bestehende Dorf Streckewalde herauf immer am Westhang des Höhenrückens entlang ihren Weg ins Sandbachtal. Hier entstanden nun die beiden Dörfer, aus denen viel später unser Mildenau hervorging.

Keine Urkunde erzählt uns von den unsäglichen Mühen und Entbehrungen unserer Vorfahren, wie sie sich und uns über Generationen hinweg aus der Wildnis des Miriquidi ihre neue Heimat schufen. "Den ersten den Tod, den zweiten die Not, den dritten das Brot." - Dieses Wort charakterisiert wohl am besten, was sie durchlitten, aber auch geschaffen und errungen haben.

Mildenau ist, wie fast alle Erzgebirgsdörfer, seiner Anlage nach ein typisches Waldhufendorf. Jeder Siedler erhielt einen Streifen Landes, eine Hufe. Die fränkische Hufe besaß eine Größe von 42 Acker, das sind ungefähr 21 Hektar. Die Hufenstreifen erstreckten sich, vom Sandbach ausgehend, nach Westen bis an den Pöhlbach und nach Osten hin bis zum Rauschenbach. Mit ihren mit Büschen bewachsenen Steinrändern prägen sie noch heute trotz der Zusammenlegung der Flächen durch die LPG, besonders im Oberdorf, das Landschaftsbild mit ihren fränkischen Höfen, die oberhalb der Bachaue im Windschatten der ansteigenden Hänge errichtet wurden.

An einem Handelsweg gelegen, der von Zschopau über Scharfenstein und Wolkenstein nach Preßnitz führte, entstanden bereits in der Gründungszeit eine Wallfahrtskapelle, dem St. Nikolaus geweiht, und darunter zwei Gasthöfe und Herbergen für die Wallfahrer, Kärrner und Salzfuhrleute.

Diese kurze Blütezeit ging aber jäh zu Ende, als um 1280 beide Dörfer durch den Altenburger Burggrafen Albrecht III. von der Herrschaft Pöhlberg aus überfallen, ausgeplündert und "schrecklich verwüstet" wurden. "Richenow" (Reichenau), heute unser Oberdorf, hat sich davon nicht wieder erholen können und ist in der Folgezeit in Mildenau eingegliedert worden.

Unser Ort kam an die Waldenburger zurück, und als 1476 der letzte Erbe starb, fiel die Herrschaft Wolkenstein als erledigtes Lehen an die Wettiner. Die Landesfürsten wurden damit auch die Lehensherren von Mildenau. Dies blieb so bis zum Jahre 1839, als die Lehensherrschaft aufgelöst wurde.

Die Bauern waren auf ihrer Scholle, die ihnen nur als "Lehen" gegeben, also geliehen war, freie Herren und nicht wie in vielen Ländern Leibeigene der Grundherren. Aber von Anfang an bestanden die Leistungen der Bauern in Abgaben und Diensten, Zinsen und Fronen für den Lehnsherren, und für die Landesfürsten mussten vor allem Jagddienste, vielerlei Fahrdienste, Straßen-, Brücken- und viele andere Baudienste und in Kriegszeiten Miliz-, Marsch- und Fouragedienste geleistet werden.

Die Mildenauer Bauern fronten auf den Feldern des Vorwerkes Gehringswalde und verrichteten dort alle Arbeit, von der Saat bis zur Ernte. Die Auszeichnung der bäuerlichen Verpflichtungen, die im 16. Jahrhundert in den Erbbüchern der Ämter zu finden sind, geben auch für Mildenau einen anschaulichen Einblick.

Mit der Aufteilung des zur Verfügung stehenden Bodens und dem stetigen Wachstum der Bevölkerung vollzog sich sehr bald eine grundlegende Umgestaltung der Gliederung des bäuerlichen Besitzes und der sozialen und ökonomischen Gliederung der Dorfgemeinschaft. Es entstanden zunächst mehrere bäuerliche Klassen. Außer einigen Hufenbesitzern oder Vollbauern gab es bald Dreiviertel-, Halb- und Achtelhüfner, auch die Gärtner, die anfangs nur einen Garten an ihrem Häuschen hatten, erweiterten ihren Besitz durch käuflich erworbene Hufenanteile und gehörten somit zu den Besitzenden.

Der zweiten Gruppe gehörten die Häusler, auch Büdner oder Katner genannt, an. Auf fremdem Grund und Boden hatten sie ihre Häuschen errichtet und waren ganz und gar auf den Ertrag ihrer Arbeitskraft angewiesen. Aus ihren Reihen ging vor allem das sich vielseitig entwickelnde Handwerk hervor. Viele standen noch in landwirtschaftlicher Lohnarbeit, waren Bergleute, Fuhrleute oder Besitzer der zahlreichen Mühlen, die im Laufe der Jahrhunderte entstanden.

Und ganz ohne Besitz waren sogenannte Hausgenossen. Wirtschaftlich am schwächsten, politisch ohne Geltung, waren sie ganz auf ihre körperliche Arbeitskraft angewiesen, wohnten auf den Höfen und zahlten ihren Hausgenossenzins ins Amt. So gab es nach einer Urkunde vom Jahre 1556 in Mildenau bereits folgende Aufgliederung des bäuerlichen Besitzes und der Bewohner, die ohne Grund und Boden waren:
 

1 Erbgericht

1 Hufe

2 Lehnfreigüter

1 Hufe

Schenkgut und Barthschenke

10 ganze Erben

1 Hufe

Spannbauern

13 dreiviertel Erben

3/4 Hufe

23 halbe Erben

1/2 Hufe

4 einpferdige Erben

1/4 Hufe

4 Wiedenerben, die dem Pfarrer zinsen


ohne Grundbesitz:
 

9 Mühlen ohne Erbstück

35 eingebaute Häuser

30 - 40 Hausgenossen


Nur die Bauern sind namentlich aufgeführt.

"Interessant ist, dass das die letzten beiden Jahrhunderte einflussreichste Geschlecht Mauersberger damals in Mildenau noch nicht ansässig war ... Die Einwohnerzahl dürfte sich demnach Mitte des 16. Jahrhunderts auf 800 - 1000 belaufen haben." (Schiefer)

Aus dieser Urkunde geht hervor, dass über die Hälfte der Einwohner Mildenaus bereits keine Bauern mehr waren und sich anderweitig Arbeit suchen mussten. Sie lebten oft in bitterster Not bis in unser Jahrhundert hinein. Daran sollte man denken, wenn man oft von dem reichen Bauerndorf Mildenau hört und liest. Und es war kein Wunder, wenn bereits bei der Reichstagswahl 1903 die SPD zur stärksten Partei in Mildenau wurde.