Kirchengeschichte Mildenau

Die bewegte Geschichte der ev.-luth. Kirchgemeinde Mildenau.

"Als deutsche Kolonialisten unserer Wälder erschlossen, waren sie schon fest im Christentum verwurzelt und trugen in ihrer schweren und unsicheren Lage das starke Verlangen nach Verbindung mit Gott und christlichem Gottesdienst in sich." - So schreibt Adolf Reinhardt in seinem Bericht zur "Geschichte des kirchlichen Lebens im oberen Erzgebirge".

Und die Kirche, damals römisch-katholisch, war bestrebt und sorgte dafür, dass wenigstens an größeren Orten, den Sitzen der Lehnsherren und der Ritter, bald Gotteshäuser erbaut und von da aus auch die Umgebung kirchlich betreut wurden. Die ersten Kirchen mögen "recht einfach und unscheinbar gewesen sein, aus Holz und Lehm bestanden haben und mit Schindeln gedeckt worden sein".

So ist auch in Mildenau ein Kirchlein entstanden, als eine Wallfahrtskapelle dem St. Nikolaus geweiht, der der Schutzpatron der Seefahrer und Handelsleute war. Sie entstand, da ein wichtiger Handelsweg durch unseren Ort führte. Und zwei Raststätten und Herbergen, unser heutiger Gasthof und die ehemalige Barthschänke, sorgten für Unterkunft und Verpflegung der Wallfahrer, Kärrner, Fuhrleute und Kaufleute.

Die Gründung der Kapelle ist höchstwahrscheinlich vom Kloster Grünhain aus erfolgt, das sich "Kloster des heiligen Nikolaus" nannte. Aus der Kapelle entstand später durch Anbau die erste Kirche von Mildenau. Sie hatte zwei Türme und war mit drei Glocken ausgestattet. Das Innere der Kirche wurde im Laufe der Zeit mit kunstreichen Schnitzereien und schönen Bildern reich ausgeschmückt.

Zum Kirchspiel gehörte neben Reichenau (Oberdorf) und Streckewalde auch noch Lichtenhain, die rechte Seite von Königswalde. So versammelten sich die Lichtenhainer zum gemeinsamen Kirchgang nach Mildenau, um besser vor den Bären geschützt zu sein. Erst 1558 wurde Königswalde selbstständiges Kirchspiel.

Die Lehnsherren waren verantwortlich für die Beschaffung und Unterhaltung der nötigen Bauten und ihrer Ausstattung sowie für den Unterhalt des Priesters, Kirchendieners oder Lehrers. Diese Mittel bestanden lange Zeit nicht in Geld, sondern in Land und Naturalien. Das Gotteshaus erhielt ein Kirchenlehn, der Pfarrer ein Pfarrlehn, nämlich Grund und Boden und außerdem das Baurecht. Zum anderen stand dem Pfarrer der Decem oder Zehnte zu. Auch Custos (Kirchner) oder Schulmeister bezog jährlich (zu Walpurgis und Michaelis) in Mildenau von jedem Bauer 20 Pf., von jedem Gärtner oder Häusler 12 und jedem Hausgenossen 4 Pf. Der Pfarrer war damit ein Gutsbesitzer, das Pfarrhaus ein Bauernhaus mit Stall und Scheune. So war das bis ins 19. Jahrhundert hinein. Vier Pfarrbauern (Wiedeleute) fronten dem Pfarrer und bestellten die Felder von der Saat bis zu Ernte.

"Viele der alten Priester mögen mit Treue ihres schweren Amtes gewaltet und den Menschen in ihrer Bedrängnis Gottes Hilfe gebracht haben. Aber gegen den Ausgang des Mittelalters ließen sich auch hier nicht wenige Vertreter der katholischen Kirche in den weltlichen, materialistischen und unchristlichen Strom ihrer Kirche hineinziehen."

Als Johann Tetzel, der bereits im Jahre 1508 in Annaberg sein Unwesen mit dem Ablasshandel trieb, ganz in die Nähe von Wittenberg kam, stritt Martin Luther mit heiligem Zorn wider den Unfug. Aber vergeblich. Da schlug der Entrüstete am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg und leitete damit die Reformation ein, die die Menschen wieder zu den wahren Quellen des Christentums führen sollte.

Diese Streitsätze verbreiteten sich wie ein Lauffeuer über ganz Deutschland. Der Widerhall der Thesen Luthers und seiner Lehre war auch im Erzgebirge allgemein und tief. Die offizielle Einführung seiner Lehre geschah erst im Jahre 1537, da Georg der Bärtige, der Herzog von Sachsen, ein entschiedener Gegner der Reformation war. Der damalige Pfarrer in Mildenau, Erhard Fleischmann, hatte bereits 1523 einen Taufbericht evangelisch unterzeichnet, und seine Predigten atmeten evangelischen Geist. Er wurde der erste evangelische Pfarrer einer gläubigen christlichen Kirchgemeinde in unserem Dorf.

Ein sichtbarer Beweis für die tiefe Verwurzelung christlichen Glaubens in Mildenau war der Bau einer neuen Kirche in den Jahren 1834-1839. Die alte Kirche hatten Zeitereignisse und das Wetter arg mitgenommen. "Die ganze Kirche war sehr verkrüppelt und die besten Plätze verbaut, auch keine gehörigen großen Fenster nach und nach eingebrochen." Schon 1794 wurden die beiden Türme wegen Baufälligkeit abgebrochen, die Glocken unter einem Gerüst auf dem Gottesacker aufgehängt.

Zwei gewaltige Stürme, die im Gemeindewald 10 Schock Holzstämme entwurzelt und gebrochen hatten, lieferten das nötige Holz zum Bau, so dass der Neubau im April 1834 beginnen konnte. In einmaliger Eintracht, Opferbereitschaft und Mithilfe der gesamten Dorfgemeinschaft nahm das Werk einen erstaunlichen Fortgang, so dass "das Heben der Kirche und des Turmes" bereits am 25.07.1835 erfolgen konnte und zum Kirchweihfest die Glocken wieder vom Turm läuteten.

Die Weihe der neuen Kirche wurde am 27. Oktober 1839 feierlich begangen. Sie war zu einem großartigen Bau "in edler Einfalt und stiller Größe" vollendet worden und bietet 1.114 Personen Platz. Die Gesamtkosten betrugen 23.328 Taler. Das 50jährige Jubiläum im Jahre 1889 war ein Höhepunkt in der jungen Geschichte unserer Kirche, die so überfüllt gewesen sein soll, dass "Kundige die Zahl der Besucher auf 3.000 schätzten."

Es folgten viele Friedensjahre, dann aber brach der I. Weltkrieg aus. Von direkten Kriegshandlungen verschont, war unsere Kirche eine Heimstätte in schwerer Zeit für viele, die Leid trugen und Trost suchten. Die mittlere und die kleine Glocken wurden noch im November 1917 abgenommen und zur Sammelstelle gebracht. Nach dem Krieg wurde das kostbare Geläut unter großen Mühen wiederbeschafft und die Kirche in den Jahren 1931 / 32 als Baudenkmal vollständig erneuert.

Im Jahre 1939 stand die 100-Jahr-Feier unserer Kirche an. Trotz des Ernstes der Zeit werden die festlichen Tage ein Markstein in der Geschichte unserer Kirchgemeinde bleiben. Einen Höhepunkt bildete das Kirchenkonzert des Dresdner Kreuzchores unter Leitung des Professors Rudolf Mauersberger.

Der II. Weltkrieg hatte begonnen. Wieder wurden die zwei kleineren Glocken abgenommen. Dann kam jene schreckliche Nacht vom 14. zum 15. Februar 1945, in der die Kirche in Schutt und Asche fiel. Aber mit Pfarrer Eichler, der nach völliger Entmutigung bald den göttlichen Auftrag in sich spürte, begann der Wiederaufbau. War er zuerst allein, so kamen bald immer mehr, die Trümmer der Brandstätte zu beseitigen. Bereits am 06. Juni 1945 wurde der erste Gottesdienst in der beräumten Kirchenruine abgehalten und ein Kirchenaufbaufonds gegründet, der bald auf 25.000 Mark angestiegen war, aber durch die Geldabwertung von 1:10 fast wieder zunichte wurde. Es ist erschütternd und erhebend zugleich, wie trotz aller Schwierigkeiten durch die atheistische sowjetische Besatzungsmacht und aller amtlichen Stellen der Wiederaufbau zügig voranging. Am 10. April 1948 wurde das Richtfest gefeiert. Ein Festtrunk und Richtschmaus für die Bauarbeiter wurde durch eine Spendensammlung für Kartoffeln, Eier und Speck möglich. Auch eine Zuteilung von Trinkbranntwein durch das Landkreisamt wurde erwirkt.

Bei dem weiteren Ausbau der Kirche wurden die Schwierigkeiten immer größer. Das in großen Mengen notwendige Bauholz für den Innenausbau konnte kaum beschafft werden, denn der Uranbergbau war in vollem Gange und verschlang riesige Holzmengen. Aber auch das Geld wurde immer knapper.

So konnte erst am 9. Oktober 1955 die Kirchen- und Glockenweihe feierlich vollzogen werden. Noch vergingen Jahre, bis alle Zimmerer-, Stuck-, Maler- und Vergoldungsarbeiten unter der Leitung von Pfarrer Joh. Köckert, dem Nachfolger von Pfarrer Eichler, mit Tatkraft und Umsicht zu Ende gebracht wurden.Als Pfarrer Köckert den Landesbischof Noth in einem Brief vom 25.04.1963 bat, zur 125-Jahr-Feier der Kirche den Festgottesdienst zu halten, schreibt er folgendes über die Kosten des Wiederaufbaus der Kirche:

"Der Wiederaufbau unseres Gotteshauses hat bis jetzt über 500.000 Mark gekostet. Von der Landeskirche erhielten wir 240.000 Mark. Den Rest brachten die 2.800 Gemeindemitglieder auf."

Damit war der Wiederaufbau der Kirche abgeschlossen. Sie entstand genau wieder so, wie sie damals von 1834 - 1839 im Stile des Klassizismus erbaut worden war. Sie konnte im Jahre 1989, kurz vor der Wende, ihr 150. Jubiläum begehen und ist trotz einer über zwei Generationen währenden atheistischen Erziehung und Verfolgung Mittelpunkt und Heimstätte christlichen Glaubens für den größten Teil der Bevölkerung geblieben.